Das Magazin von Poly-Amorie

Du möchtest dir nicht vorschreiben lassen, wie oder wen du liebst. Bei Poly-Amorie findest du offene und freiheitsliebende Menschen jeder Couleur, mit denen du dich austauschen, daten und deine Leidenschaft ausleben kannst. In unserem Online Magazin erwarten dich spannende Themen rund um Liebe, Leidenschaft und Sexualität.

Polyamorie: Wie nenne ich eigentlich die Frau meines Freundes?


Folgend werden die persönlichen Erfahrungen und Meinungen von Juli Solen wiedergegeben...

Wie soll ich meine neue Liebelei eigentlich nennen?


Mir fehlen gerade oft die Worte – und das als redegewandter Germanistin. Der Grund ist einfach: Sie existieren nicht. Was ist meine neue Liebelei? Wie soll ich sie bennenen? Ein „friend with benefits“, eine Affäre, mein zweiter Freund, alles oder keines von diesen?

In der polyamourösen Welt gehen die Probleme weiter: Wie heißt die Frau meines Freundes, wie seine feste Freundin oder sein fester Freund? Wie nenne ich den Geliebten oder die Geliebte meines Partners? Für so viele familiäre Bindungen hat das Deutsche Begriffe bis zum Schwippschwager, aber für meine nahen Beziehungen fehlen sie.

Schönerweise haben Menschen ja Namen und natürlich kann ich von der Frau meines Freundes sprechen, auch wenn es etwas umständlich ist (und sowieso schon meist zu Irritation führt). Doch ich glaube, hinter den fehlenden Worten steckt mehr. Sie fehlen, weil wir es gesellschaftlich nicht gewohnt sind, über Beziehungsnetze zu sprechen.

Neue Begriffe scheitern an der Idealisierung der Monogamie


Die allgegenwärtige Idealisierung der romantischen (meist seriellen) Monogamie führt zwar nur selten zu dauerhafter Treue, aber über „Fremdgehen“, „Seitensprünge“, „Untreue“ und „Fehltritte“ wird möglichst nicht gesprochen. Und wenn, dann wohnt den verwendeten Begriffen auch selten Positives inne.

In meiner Welt dagegen existiert „Fremdgehen“ nur, wenn nicht darüber gesprochen wird. Ein One-Night-Stand, eine Affäre, eine Liebelei, von denen mein Partner mir erzählt, sind kein „Fremdgehen“, sind keine „Untreue“, denn die Kommunikation darüber, sichert die Treue unserer Beziehung.

In polyamourösen Kreisen gibt es manche Versuche für Benennungen von Beziehungen, z.B. „Metamour“ für die Partner*in meines Partners. Doch sie alle brauchen noch lange bis sie Teil des Dudens werden, selbst ich kann sie mir oft nicht merken. Begriffe zu erfinden ist schwer. Meist setzen sie sich nicht oder anders durch als erwünscht. Und ich glaube, die Erfindung von Worten ist sowieso der dritte Schritt vor dem erstem.

Lasst uns darüber reden, dass ein Partner nicht alle Wünsche erfüllen kann


Der erste Schritt ist: Lasst uns ehrlich miteinander reden! Darüber, dass unsere Wünsche, Bedürfnisse und Träume oft viel größer sind, als dass ein Partner sie alle decken kann. Darüber, dass Fremdheit eine erotische Dimension birgt, die sich von Vertrautheit fundamental unterscheidet – auch wenn beides weder eine Garantie für guten noch für schlechten Sex ist.

Lasst uns darüber reden, was Treue für uns bedeutet. Lasst uns ehrlich sein, wenn wir mehr als eine Person anziehend finden. Lasst uns mit allen Beteiligten achtsam aushandeln und ausprobieren, wie das Glück der Beteiligten wachsen kann. Lasst uns neugierig sein, wenn wir sehen oder erleben, dass neue Leidenschaften nicht alte ersticken müssen, sondern beleben können. Lasst uns unsere Komfortzonen verlassen und den Unsicherheiten und Abenteuern stellen. Und ja, ihr glaubt nicht, wie oft ich in diesen Beziehungsnetzen unsicher bin wie ein Teenager beim allerersten Date.

Ich will Menschen, die mir wichtig sind, nicht verheimlichen


Der zweite Schritt ist: Reden wir, auch öffentlich, über unsere Beziehungen! Nein, wir müssen nicht jeden Morgen auf Facebook inserieren, mit wem wir die letzte Nacht verbracht haben – aber Menschen, die mir wichtig sind, möchte ich nicht verheimlichen, nicht vor meinem Partner, nicht vor meinen Freund*innen, nicht vor meiner Familie. Ich möchte sie vorstellen, auch wenn ich nach passenden Worten für sie ringe.

Und dann können wir hoffentlich den dritten Schritt passieren lassen: Die Worte, die wirklich passenden Worte – sie werden entstehen, wenn es sprachökonomisch sinnvoll ist. Also dann, wenn viele Menschen über die Dinge, die sie bezeichnen sprechen, dabei Worte ausprobieren und sich manche durchsetzen werden.

Ich hoffe sehr, dass ich erlebe, dass im Duden ein Wort für die Frau meines Freundes steht – und verspreche hiermit, dann eine große Party zu schmeißen, für alle meine Freund*innen, Beziehungen, Affären und die von ihnen – sofern ich ihre Kontaktdaten habe.

Ich bin überzeugt: Es wird eine großartige Feier!
Autor: Juli Solen