Das Magazin von Poly-Amorie

Du möchtest dir nicht vorschreiben lassen, wie oder wen du liebst. Bei Poly-Amorie findest du offene und freiheitsliebende Menschen jeder Couleur, mit denen du dich austauschen, daten und deine Leidenschaft ausleben kannst. In unserem Online Magazin erwarten dich spannende Themen rund um Liebe, Leidenschaft und Sexualität.

Das große Missverständnis


Folgend werden die persönlichen Erfahrungen und Meinungen von Nadine Primo wiedergegeben...

Wenn wir versuchen die Liebe in ein Raster pressen, sollte es dann nicht wenigstens ein natürliches anstatt sozio-kulturell geprägtes sein?

„…dass dem Menschen außer Egoismus auch Mitgefühl und Barmherzigkeit in die Wiege gelegt worden seien. Dennoch basierten in den vergangenen Jahrhunderten viele anthropologische, philosophische und wischaftswissenschafltiche Theorien aus dem Irrglauben, menschlicher Wohlstand sei schon immer nach den Prinzipien der Mangelwirtschaft verteilt worden. „Rationales wirtschaftliches Verhalten“ ist eine Besonderheit des „Kapitalismus“ und gehört zu dessen Glaubenssätzen“, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler John Gowdy.“ Es handelt sich dabei aber um kein Naturgesetz. Der Mythos vom wirtschaftlich handelnden Menschen erklärt das Organisationsprinzip des heutigen Kapitalismus, nicht mehr und nicht weniger.“ (S. 193)

Was ich eigentlich damit sagen will: Der Mensch ist nicht von Natur aus monogam. Der Mensch ist nicht seit Beginn an damit beschäftigt, sein Land und Besitz zu verteidigen. Der Mensch ist triebgesteuert, aber das bedeutet nicht, dass er grausam oder gar kriegerisch ist – im Gegenteil! Warum gibt es sonst posttraumatische Belastungsstörungen? Nur ein Beispiel… Monogamie ist ein Konzept, welches den Menschen in seiner Freiheit lähmt, wozu seine sexuelle Autonomie gehört. Lange Zeit galt Masturbation als schädlich und gruselige Ammenmärchen sollten die Libido eines jeden Heranwachsenden zerstören, bevor sie überhaupt erwacht war. 

Es ist Zeit, dass wir unser Selbstbild überdenken. 

Der Mensch ist gut. Schaut euch kleine Kinder an, mini Menschen in Reinform. Für jedes Kind ist es das größte glücklich zu sein, zu teilen, miteinander zu spielen und im Moment zu sein. Erst wenn Kinder vernachlässigt oder schlecht behandelt werden, kommt es zu Komplikationen innerhalb sozialer Interaktionen. Unsere Sozialisation ist es Schuld, dass wir in Schubladen denken, Ethnien ausgrenzen, Gruppen diskriminieren, oder weiterhin nicht davor zurückscheuen, Frauen zu Sexobjekten zu degradieren. Chauvinismus olé!

Wäre es nicht schöner davon auszugehen, dass wir von Natur aus darauf bedacht sind, Banden zu knüpfen und gemeinsam ums Überleben zu kämpfen? Soziale Interaktion und Kooperation statt Isolation und Krieg. Der Mensch hat zwar ein Verfallsdatum, aber keine limitierte Nutzbarkeit. Du kannst ihn so oft du willst berühren, küssen, lieben… er wird trotzdem noch der gleiche sein und Intimität gibt es nicht bloß in Rationen. Ist der Gedanke einen Menschen zu teilen, nicht schöner als ihn – zur Not bis aufs Blut – zu verteidigen? Gleiches gilt für Land Besitz und Leute – Eigentum. Eigentum beispielsweise ist nichts Natürliches. Mit dem Einzug der Landwirtschat und folgenden Sesshaftigkeit, hielt auch das Besitzdenken Einzug in die Köpfe der Menschen. Alles Errungenschaften, die sein größter Albtraum werden sollten. 

„Als die Berliner Mauer fiel, verkündeten jubelnde Kapitalisten, der entscheidende Fehler des Kommunismus sei es gewesen, die menschliche Natur falsch einzuschätzen. Ja und Nein. Marx‘ fataler Fehler bestand darin, den Kontext außer Acht zu lassen. Die menschliche Natur in einer eng verflochtenen Gemeinschaft ist eine Sache, in die Anonymytät entlassen, werden Menschen zu gänzlich anderen Kreaturen.“ (S. 200)

Eigentum und Besitzdenken führt oftmals zu unschönen Emotionen wie Eifersucht, Neid und Gier. 

Auf diese Emotionen könnten wir gänzlich verzichten, wenn wir nicht immer den Drang hätten, alles etikettieren (am besten mit unserem Namen) zu müssen. Eine um weiten schönere Ausgangslage - eine viel harmonischere, wenn wir unseren Fokus auf Liebe statt Angst richten würden. Zum Beispiel könnten die Medien ja mal damit anfangen, nicht ausschließlich reißerische Kriegsbilder oder Szenen von Gewalt und Chaos die Schlagzeilen und Schaukästen der Republik dominieren zu lassen. Nur eine Idee… Vielleicht würde der ein oder andere von uns automatisch menschlicher und moralischer handeln, wenn er nicht ständig vorgekaut bekommen würde, wie schlecht und grausam unsere Spezies eigentlich ist. Dass es Sanktionen, Strafen und seitenweise Regelkataloge sowie gesellschaftliche Normen geben muss, um den triebgesteuerten, grausamen Dämon in uns zu zügeln. 

Wenn wir uns alle mit mehr Liebe begegnen würden, wären wir letztlich alle ausgeglichener und hätten eher das Gefühl zu profitieren, statt zu verlieren. 

Damit wäre das Leben ein Profit. Profit, den wollen ja alle am Ende immer irgendwie herausschlagen. Warum sonst präsentieren uns Soziale Medien jeden Tag Selbstoptimierung in bebilderter Reinform? Effizient & effektiv – Am Ende gibt es einen Preis. Zumindest materiell oder finanziell... emotional hingegen bleibt dabei meist einiges auf der Strecke. Aber immerhin haben wir jetzt das Geld, um Physio- und Psychotherapeuten zu bezahlen. Dafür, dass sie sich anhören, warum wir nachts nicht schlafen können; warum wir eine mehrmonatige Flucht ins Ausland planen und es Sabatical nennen; warum wir Geld in Kuren, Urlaube und Supplements stecken, aber trotzdem nach kurzer Zeit zurück im Alltag wieder total unentspannt und gestresst wirken; warum wir uns fortan lieber als Aussteiger denn Einsteiger sehen. Ein Teufelskreis. Aber immerhin profitiert auch Jemand wirklich davon: die Krankenkassen und die Pharmalobby. 

Mehr Anti-Depressivum für alle; mehr pflanzlich-natürliche oder auch chemisch manipulierte überteuerte Mittelchen für uns!

Wenn wir uns mehr um unsere emotionale Ausgeglichenheit und Gelassenheit kümmern würden, wären die meisten unserer Probleme obsolet. Es gäbe weniger psychosomatische Störungen, chronische Erkrankungen wie Schlafstörungen, Nacken-/Rückenschmerzen oder Migräne… Wir würden auch nicht den Fehler machen uns ständig mit irgendwem anders in Konkurrenz zu stellen, wir wären einfach wir… einfach natürlich. 

Die Monogamie ist ein Konzept, dass seit Jahrhunderten vehement verteidigt wird. 

Ich sage bewusst, dass es vehement verteidigt wird, denn somit sollte auch schnell klar sein, dass es nichts Ursprüngliches oder Natürliches sein kann. Wie stark ein Trieb ist, erkennt man daran, wie aufwendig es ist, diesen zu unterdrücken. Wenn Sex angeblich lediglich zur Fortpflanzung dient und somit eher ein Pflichtakt als Freizeitspaß sein müsste: Wieso gibt es dann so viel sexuelle Gewalt? Wieso leiden so viele Menschen an sexuellen Störungen? Wieso gehen Ehen, Familien, Freundschaften, Partnerschaften an Sex kaputt? Wieso ist die Pornoindustrie größer und ertragreicher als jede andere Industrie auf diesem Planeten? Wieso gibt es so viele Missbrauchsfälle in der (katholischen) Kirche, wenn der Zöllibath doch angeblich gottgegeben und menschlich ist? Wieso gibt es immer mehr Single-Haushalte und Scheidungsraten so hoch wie nie zuvor? 

Konstant steigende Scheidungsraten und traumatisierte Kinder, die letztlich als bindungsgestört diagnostiziert oder sich selbst als beziehungsunfähig bezeichnen, sind das Produkt serieller Monogamie. Denn was wir ein nach vielen Jahren sexuell frustrierter Ehemann (oder auch Ehefrau) wohl am ehesten unter dem Deckmantel der Monogamie in Erwägung ziehen? 

Richtig: „Serielle Monogamie: Lassen sie sich scheiden und fangen Sie von vorne an. Diese Option ist die scheinbar „ehrliche“ Variante, die von den meisten Experten empfohlen wird, darunter auch viele Paartherapeuten. […] Serielle Monogamie ist eine sympathische Reaktion auf den Widerspruch zwischen dem, was die Gesellschaft vorschreibt, und dem, was die Biologie einfordert. […] Auch wenn die Flucht in die serielle Monogamie als die anständige Entscheidung bezeichnet wird, so hat sie doch zur derzeitigen Epidemie der zerstörten Familien und alleinerziehenden Eltern geführt.“ (S.341)

Angeblich will sich heute niemand mehr festlegen, 

…aufgrund der Entscheidungsfreiheit jeden Moment seines Lebens selbst zu bestimmen. Auch die wachsende Mobilität im Berufsalltag macht es angeblich schwer konstante (Liebes-)Beziehungen zu führen. Nein, monogame Beziehungen zu führen, denn Liebesbeziehungen können auch über eine große Entfernung funktionieren. Schließlich verliebt man/frau sich ja in den Charakter/die Persönlichkeit und nicht einzig und allein in den Körper. Nur weil der Körper gerade nicht in der gleichen Stadt anzutreffen ist, können die Seelen ja weiterhin verbunden sein. Eine emotionale Verbundenheit wird auch nicht durch das Ortsschild getrennt. 

Emotionale Verbundenheit überdauert Entfernungen, ebenso wie Jahre. 

Damals… als wir noch Urmenschen waren und nur nach unseren Instinkten und Trieben handelten, reisten wir auch von Ort zu Ort. Etwa sobald sich die Bedingungen änderten und Nahrungsmittel als auch Ressourcen knapp wurden. Wir zogen einfach weiter, denn Reisende soll man nicht aufhalten. Heute immer noch eine beliebte Floskel. Die stetige Veränderung und in erster Linie die wachsende Mobilität, ist also eigentlich nicht fremd für uns – im Gegenteil! Die Sesshaftigkeit entspricht nicht unserer Natur, ebenso wie materielle Dinge unseren Charakter verformen und gierig werden lassen. 

Wir sprechen gern vom Urmenschen und seinen Trieben, beziehen uns dann aber lediglich auf eine komplett verzerrte Darstellung der Vergangenheit oder auf das Mittelalter. Interessant. 

Von Natur aus sind wir alle eigentlich recht opportunistisch und vor allem: Kooperationsbereit. Soziale Inkompatibilität wäre früher der Tod des Individuums gewesen. Jemand der nur Stress in die Gruppe gebracht hätte, wäre über kurz oder lang verjagt worden. Social skills waren damals wie heute ungeheuer wichtig. 

Also sollten wir vielleicht mal überlegen, ob wir nicht einem monogamen Gespenst hinterherjagen, dass wir seit hunderten von Jahren nicht einzufangen vermögen. Vielleicht sollten wir begreifen, dass die meisten unserer Probleme daher rühren, dass wir ständig versuchen Dinge oder auch Menschen an uns zu binden und kontrollieren zu wollen. 

Wer viel Gepäck mit sich schleppt, hat viel zu tragen. 

Eine einfache Aussage, die es in sich hat. Bedeutet wirkliche Freiheit nicht, sich frei bewegen und entscheiden zu können? Mit dem Wissen, dass das eigene Handeln akzeptiert und wertungsfrei angenommen wird, so lange kein anderer dabei zu Schaden kommt? Kann nicht jedes Paar für sich, ebenso wie jedes Individuum, selbst seine Regeln festlegen, nach denen es zu Leben vermag. Sollten wir in erster Linie nicht einfach tolerant sein und unseren Fokus auf das eigene Innere richten. Für Ausgeglichenheit und emotionale Stabilität sorgen, anstatt materiellen Dingen hinterherzulaufen und krankhaft abhängige Beziehungen lebensnotwendig zu nennen? Können wir nicht einfach mal begreifen, dass unsere sozio-kulturelle Prägung den Instinkten und Trieben eines Urmenschen widerspricht und unser Bild von der Vergangenheit einfach falsch bzw. weder standhaft noch stichfest ist? 

Wir befinden uns aktuell in einer Zeit, 

…in der immer mehr Menschen aufgrund der wachsenden Alternativen und persönlichen Freiheiten, Konzepte hinterfragen und neues ausprobieren. Nach und nach wächst das Bewusstsein für die weitreichenden Folgen des Kapitalismus, die die Entfremdung des Menschen von sich selbst und das Besitzdenken in den Vordergrund stellten. Außerdem kommt die große Macht Hollywoods und der Kirche in Bezug auf die weiterhin heuchlerische Monogamie-Propaganda immer weiter zum Vorschein. Na ja, unentdeckt blieb sie vorher auch nicht, aber dank alternativen Produktionen und wachsenden Zugängen, gibt es sowas wie eine mediale Gegenbewegung für sexuelle Autonomie. Nice!
Autor: Nadine Primo
NADINE studierte nach dem Abitur an der Universität in Bonn Romanistik
(B.A.) und Internationale Geschichte der Neuzeit (M.A.). Aktuell arbeitet sie als freie Autorin, Ghostwriterin und Model, um genug Zeit für ihre Recherchen, Gedanken und ihre Leidenschaft, das Schreiben, zu haben. Das Reisen ist eine ihrer größten Leidenschaften, ebenso wie die Liebe zu Literatur-, Kultur- und Sprachwissenschaften. Während einer ihrer Reisen fand sich den Weg zu sich selbst über Meditation und Achtsamkeit. Auf ihrem Blog und Instagram, als auch auf Facebook teilt sie diese und weitere persönliche Erlebnisse aus ihrem Alltag als bisexuelle Frau und erzählt von vergangenen Erfahrungen aus ihrer offenen Beziehung.